Kommentar: Das Gerede über den Özil Rücktritt nervt nur noch

Kommentar: Das Gerede über den Özil Rücktritt nervt nur noch

So viel steht fest: Der Özil Rücktritt und sein langes Vorspiel mit den unseligen Erdogan-Fotos, der völlig verkorksten WM und dem Umgang aller, wirklich aller in irgendeiner Weise involvierten Personen damit ist ein nie dagewesener und entsprechend bemerkenswerter Vorgang. Dass er mit eigentlich davon unabhängigen politischen Diskussionen verschwimmt, potenziert diesen Effekt. Dabei sollte all das nicht wichtig genug sein, um seit Tagen mit diesem Thema dauerbombardiert zu werden.

Oder anders formuliert: Andere Dinge sollten wichtiger sein! Bildungspolitik, digitale Infrastruktur, die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, Rente, die Vermüllung der Meere. Ach, wenn man einmal anfangen würde, sich über solche Themen Gedanken zu machen … Ja, was dann? Würden die Themen, die das Leben all derer, sie sich jetzt die Köpfe heißreden wohl viel mehr tangieren als alle Özils und Migranten zusammen, trotzdem eine Notiz im Politikteil bleiben. Weil es viel einfacher ist, sich eine Meinung zu einem egozentrischen, uneinsichtigen und bestenfalls naiven Fußballmillionär zu bilden und diese möglichst lauthals hinaus in den digitalen Orkus zu tickern.

Der letzte Satz deutet es an: Auch ich habe eine Meinung dazu. Aber ich habe keine Lust mehr, sie zu äußern, weil das ganze Gewese darum nur noch nervt. Und als wäre die Aufmerksamkeit für diese Schlammschlacht allein nicht schlimm genug, geht sie nahtlos in die Diskussion über Migration und Integration über, die wir uns von der AfD (mit der CSU gefesselt im Kofferraum liegend) als scheinbar einzig wichtige Baustelle aufdrücken lassen. Weil die Rechtspopulisten kein anderes Thema haben, nein: können. Wenn eine Partei, die sich als die einzig wahren Volksversteher darstellt, nach Jahren zum gesellschaftlichen Kernthema Rente allen Ernstes nicht viel mehr vorbringt als die Info, dass man noch ein Konzept erabeiten müsste, weiß man, warum sie jede, aber auch wirklich jede Gelegenheit nutzt, das Gespräch auf Flüchtlinge zu lenken. Man müsste darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre, wie sich Politik und Medien vor diesen Karren spannen lassen.

Der Özil Rücktritt: ein würdiger Höhepunkt für ein unwürdiges Schauspiel

Und dann kommt Özil. Lässt sich mit einem Autokraten, Unterdrücker und Demokratievernichter erster Güte ablichten, zu allem Überfluss mitten in dessen Wahlkampf und kurz vor der WM. Der Aufschrei ist enorm – zu Recht! Özil sagt lange nichts, der DFB erst das eine, dann nichts, dann das andere. Dann der Özil Rücktritt. Er äußert sich – und gießt nur noch mehr Öl ins Feuer. Über Rassismus beklagt er sich absolut zu Recht: Denn das, was mitunter aus diesem Thema gemacht wurde, geht weit über berechtigte Kritik an den dämlichen Fotos hinaus und genauso weit unter die Gürtellinie. Aber so, wie er es gemacht hat, hätte ihm klar sein müssen, dass es alles andere als ein „reinen Tisch machen“ wird. Wenn nicht er, seine Berater hätten es wissen müssen. Das eigentlich Bedenkliche ist, dass sie es gewusst haben dürften. So wie Erdogan genau wusste, was er beziehungsweise Gündogan und Özil mit den Fotos in Deutschland lostreten. Genau das war vermutlich sein Kalkül, und wenn heute durch die Medien geistert, Erdogan habe mit Özil telefoniert und ihm zu seinem „Tor gegen den Faschismus“ gratuliert, gratuliert sich der türkische Präsident vor allem selbst.

Dabei hätte ich diesen ganzen Quatsch spätestens dann am liebsten von meiner organischen Festplatte gelöscht, als die bayrische Wurstkoryphäe und vorbestrafte Moralistenkarikatur Uli Hoeneß ungefragt seinen Senf über der Debatte ausbreitete. Aber auf den Tag, an dem man nur noch mit Özil und dem dazugehörigen Rattenschwanz an giftigen Meinungen, Analysen, Vorwürfen und Beleidigungen konfrontiert wird, wenn man Bock darauf hat, werde ich wohl schweren Herzens noch eine Weile warten müssen.