G20-Retrospektive: Eine andere, tiefere Sicht auf Hamburg

G20-Retrospektive

Hamburg zeigt vor allem eins: Beide Seiten sind krank. Druck erzeugt Gegendruck und der bringt Verzweiflung, Ohnmacht und Gewalt ans Tageslicht.

Keine Seite will ihre Wut, Empörung und vor allem den tiefen Schmerz dahinter wirklich wahrhaben oder fühlen.

Also wird anderen der eigene Schmerz zugefügt. Und blind draufgehauen.

Hamburg macht unsere Innenwelt sichtbar.

Manchen ist das bewusst. Andere wollen es erst gar nicht an sich heranlassen.

Nur wer Gewalt erlebt hat, kann Gewalt ausüben.

Jeder von uns hat Formen von Gewalt erlebt. Das kann sehr subtil sein. Manchmal war das einfach ein Vater, der nicht anwesend war. Vielleicht war er auch aktiv gewalttätig uns gegenüber. Oder unsere Mutter kam uns übergriffig vor — aus Sorge um uns.

Es haben sich also Menschen schuldig an uns gemacht — zB unsere Eltern oder Lehrer.

Auch jeder von uns hat sich in seinem bisherigen Leben schuldig gemacht. Jeder von uns hat schon einmal einen Menschen verletzt. Oft wollen wir das nicht wahrhaben — denn selbst das zuzugeben würde bedeuten den Schmerz darüber selbst zu fühlen.

Wir sind also alle verwundet. Und diese Wunden tun weh. Die Ungerechtigkeit, die uns widerfahren ist macht uns auch wütend. Denn es waren Grenzüberschreitungen, die uns passiert sind.

Dabei ist es wichtig eines zu wissen: Diese Gewalt haben wir erlebt weil diejenigen die sie uns zugefügt haben selbst Opfer sind.

Jeder der uns jemals Schmerz zugefügt hat ist selbst verletzt worden.

Sie haben Krieg, Gewalt in der Familie (das kann so subtile passive Gewalt sein wie Eltern die emotional nicht anwesend waren) und vielleicht vieles mehr erlebt. Sie konnten nicht anders.
Sonst hätten sie nicht so gehandelt.

Jetzt aber geht es um uns.

Darum wie wir dem Schmerz und der Gewalt in uns begegnen. Denn das ist der einzige Ort an dem wir wirklich eine Wahl haben.

Natürlich können wir ein Leben lang herumlaufen und immer wieder unsere Leidensgeschichte herunterbeten. Wir können das uns zugefügte Leid
blind weiter geben — und so uns selbst und dem Planeten noch mehr Leid zufügen.

Oder wir können innehalten. Inmitten der Rage, der Empörung und dem Schmerz, die in uns toben.

Jeder Politiker ist innerlich verletzt. Jeder Demonstrant. Jeder Mensch.

Verletzung gehört zu unserer menschlichen Wirklichkeit.

Die Frage ist also: Was machen wir damit?

Geben wir diese Verletztheit blind weiter — oder entscheiden wir uns dafür die Wut und Verletztheit in uns anzunehmen — ohne sie dem nächstbesten Menschen oder Auto überzubraten.

Wir können Wege finden unsere berechtigte Wut zum Ausdruck zu bringen ohne dass sie Autos entzündet. Wir können den Schmerz fühlen und uns damit Menschen anvertrauen. Wir können sehen, dass wir mit dieser Wut und diesem Schmerz alle im selben Boot sitzen.

So hören wir auf den Krieg aufrecht zu erhalten.

Wir werden zu einem lebendigen Stopp-Schild für Krieg und Gewalt. Denn wir geben sie nicht weiter. Wir unterbrechen den Teufelskreis.

Stattdessen werden wir ein lebendiger Ort von Frieden — und dieser Ort ist ansteckend, im positiven Sinne.

Es ist kein einfacher aber der einzige Weg. Denn er wirft uns auf uns selbst zurück. Und er konfrontiert uns mit dem, was in uns wirklich ist.

Die Wahrheit darüber zu sagen und zu fühlen verändert alles.

Sie beendet den Krieg.

Geschrieben von Ben Paul.