Wo warst du am 11. September 2001?

Wo warst du am 11. September 2001?

Es gibt eine Frage, die können fast alle von uns ohne zu zögern beantworten. Genau 17 Jahre nach dem schrecklichen Terroranschlag von New York fragen wir daher noch einmal und wollen uns erinnern: Wo warst du am 11. September 2001?

Seit 17 Jahren führt die westliche Welt also schon Krieg gegen Terror – bisher mit mäßigem Erfolg, schließlich werden noch heute Terroranschläge, zunehmend auch in Europa, verübt. Erst vor wenigen Tagen ist Paris vor einem erneuten Terrorakt knapp verschont geblieben. Es gibt allerdings einen Tag, an dem wir uns wohl oder übel alle erinnern. Wer saß am 11. September 2001 nicht gebannt vor dem Fernseher – egal wo dieser gerade stand? Zur Erinnerung an diesen tragischen und dramatischen Tag habe ich mich einmal in der Redaktion umgehört und gefragt:

Wo warst du am 11. September 2001?

Das Ergebnis sind vier spannende und sehr unterschiedliche Geschichten, die, rückwirkend betrachtet, einen schrecklichen, aber auch historischen Punkt unseres Lebens markieren.

Den Anfang macht der Autor dieses Artikels, Thorsten Kolsch:

„The Show must go on“ – echt jetzt?

„An jenem Nachmittag am 11. September, befand ich mich in den Büroräumen des amerikanischen Unternehmens Warner Music, in Hamburg. Dort absolvierte ich meine Ausbildung und befand mich zu der Zeit im Marketing des sogenannten „Beat Departements“. Es war diese E-Mail, die meine Azubi-Kollegin Evelyn in den E-Mail-Verteiler schickte. „Leute, schaut unbedingt CNN, da ist ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen!!!!“. Diesen Satz wiederholte ich gegenüber meinen noch unwissenden Kollegen, schaltete den Fernseher ein und schnell stand eine Traube von weiteren Kollegen um uns herum. Es war unglaublich und an Arbeit war nicht mehr zu denken. Außer jene pietätlose Produzenten, die uns am nächsten Tag bereits ein Demo mit dem Titel „The Show Must Go On“ zugeschickt hatten.

Die brennende Frage, die sich unserem damaligen Marketingchef auftat: Wie wird der Warner-Act Linkin Park reagieren, die soeben in Hamburg gelandet sind, um auf der Reeperbahn ein Konzert zu geben. Angekommen im Hotel, verfolgte auch die Band die Fernsehbilder und sagte natürlich ab. Mein Vater rief sofort auf meiner Durchwahl an und fragte, ob ich denn auf der Arbeit überhaupt in Sicherheit sei. Ja, natürlich war ich es – aber ich konnte die Sorgen nachvollziehen. Wir waren alle mehr als durcheinander und in Aufregung. 

Als amerikanisches Unternehmen wurden in den darauffolgenden Tagen tatsächlich die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren und ich erinnere mich noch sehr gut, wie die Straßen um die Außenalster gesperrt wurden, da sich das US-Konsulat direkt an der Alster befand. Eines steht fest: Das Ereignis ist fest eingebrannt in meinem Kopf und ist immer wieder Thema, wenn ich die Kollegen treffen, mit denen ich damals die TV-Bilder verfolgt habe. 

„Terror-TV statt Talkshow-Trash“

Gedanken von Dennis Ebbecke: „17 Jahre 9/11 – ich erspare mir an dieser Stelle Floskeln à la „Wie doch die Zeit vergeht“. Und dennoch habe ich, wie vermutlich der Großteil der Weltbevölkerung, diesen 11. September im Jahr 2001 noch exakt im Hinterkopf.  Mit meinen damals 19 Jahren blickte ich sehnsüchtig dem Ende meiner Schulzeit entgegen. Mein Leben bestand aus Schule, Fußballtraining und Feiern am Wochenende.

Es war gegen Mittag, als ich an besagtem Dienstag nach Hause kam. Zwei Freistunden ermöglichten mir einen kurzen Zwischenstopp in meinen eigenen vier Wänden. Ich war hin- und hergerissen: Mich beschäftigte die quälende Frage, ob ich die dazu gewonnene Zeit für Hausaufgaben nutzen oder mich einfach nur von den damals angesagten Trash-Talkshows berieseln lassen sollte? Ich entschied mich, leider wie so häufig, für Letzteres – eine Rückkehr in die Schule nach Ablauf der Freistunden hatte ich innerlich ohnehin schon gecancelt. Erschöpft von den vier, dem damaligen Empfinden nach, überaus anstrengenden vier Schulstunden, schlief ich auf dem Sofa ein.

Als ich wieder aufwachte, war die Welt eine andere. Die ersten Bilder, die mein Fernseher ausspuckten, waren für mich nicht einzuordnen. Ein hoher Turm stand in Flammen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass offensichtlich etwas passiert sein muss, denn anscheinend hatte man den alltäglichen Talkshow-Marathon unterbrochen. Ohne das Ausmaß des Wahnsinns zu erkennen, ertappte ich mich dabei, wie ich mir insgeheim dafür auf die Schulter klopfte, nicht in die Schule zurückgekehrt zu sein – sonst hätte ich diese „Sensation“ schließlich verpasst.

Viele Stunden später waren diese Gedanken, die nicht gemachten Hausaufgaben und die verpassten Schulstunden weit entfernt. Auch der restliche Tag ist wie gelöscht. Ich erinnere mich nur noch an Peter Kloeppel, bei dem ich irgendwann hängen geblieben war – und an Experten, die deutlich machten, dass das World Trade Center niemals einstürzen würde.

Am nächsten Tag ging ich wieder zur Schule. Unterricht fand nicht statt. Wir sollten uns über die Ereignisse des 11. Septembers austauschen. Ich blieb stumm in der Ecke sitzen. Und ging mittags nach Hause. Wie am Tag zuvor. Talkshows schaute ich nicht.“

„Das hier ist kein Film!“

Gedanken von Shari Hosseini: „Mein politisches Wissen als 14-Jährige war relativ überschaubar. Ich wusste, dass es Gesetze und Regeln gibt und in anderen Ländern andere Sitten herrschen. Das war’s auch eigentlich schon. Auch wenn die Gymnasial-Lehrer ihr bestes taten, um ein politisches Bewusstsein bei den Teenagern zu erschaffen, interessierten mich zu dem Zeitpunkt eigentlich nur Metal-Bands, Privat-Partys und das TV-Programm.

So auch an jenem Tag, an dem die Welt kurz inne hielt. Nach der Schule war ein Teil meines Entspannungs-Rituals (oder auch die gescheiterte Erziehungsmaßnahme meiner Mutter) mit dem Mittagessen vor der Glotze zu hängen. Jetzt nennt man sowas ganz großstädtisch „Netflix & Chill“, damals hieß sowas unkultiviert und vernachlässigt. Beim Zappen fiel mir auf, dass zwei Sender das gleiche Bild zeigten. Ich dachte, wie wahrscheinliche viele tausende von Menschen auch, dass es eine Film-Vorschau ist: „Independence Day Teil 2“ von Roland Emmerich oder sowas. Beim näheren Hinsehen sah man die Skyline von New York.

Zunächst sah es nach einem katastrophalen Unfall aus. Ein Flugzeug ist abgestürzt und im World Trade Center gelandet. Alle Sender berichteten live und übertrugen die Bilder von dem brennendem Turm. Plötzlich flog ein zweites Flugzeug in den zweiten Tower. Ist das wirklich passiert? Ist innerhalb von drei Sekunden ein Unfall zu einer weltweiten Bedrohung geworden? Es fallen die Wörter „Anschlag“ und „Terror“. Dies hier ist kein Film, dies ist die grausame Gewalt, die plötzlich die Welt beherrscht.“

„Der dritte Weltkrieg ist ausgebrochen!“

Gedanken von Josefine Rose: „Ich war 17 und hatte neben der Schule einen kleinen Aushilfsjob in der Buchhaltung einer Spedition, wo ich mit zwei älteren Damen ein Büro teilte. An diesem Tag kam eine der beiden völlig aufgelöst und zitternd ins Büro und rief „Der dritte Weltkrieg ist ausgebrochen.“ Zu diesem Zeitpunkt war gerade das zweite Flugzeug ins World Trade Center geflogen.

Im Laufe des Nachmittags bekamen dann alle in der Firma nach und nach mit, was in New York passiert ist und einer der wenigen Fernseher in den Büroräumen zeigte die Nachrichten. Gearbeitet wurde an diesem Tag nicht mehr wirklich. Als ich nach Hause kam, saßen meine Mutter und mein jüngerer Bruder vor dem Fernseher und schauten ebenfalls Nachrichten. Ich setze mich dazu und ich erinnere mich, dass meine Mutter und ich bis in die Nacht hinein die Situation in New York verfolgten.

Wir haben viel darüber geredet, aber beim Anblick der schrecklichen Bilder auch viel geschwiegen. So geht es mir übrigens auch heute noch, wenn ich Szenen vom 11. September sehe, auch 17 Jahre danach. Am nächsten Tag wurde uns in der Schule angeboten, mit einem Vertrauensleher oder Schultherapeuten sprechen zu dürfen, sofern der Wunsch besteht. Ich erinnere mich, dass einige Schüler dieses Angebot annahmen, um über ihre Gefühle und Ängste, die durch die Terroranschläge ausgelöst wurden, sprechen zu können…“

Jetzt frage ich dich: Wo warst du am 11. September 2001?